Bio im Betrieb, konventionell in der Schule: Spagat für Azubis - Spiegel Landtechnik GmbH

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Bio im Betrieb, konventionell in der Schule: Spagat für Azubis

Erschienen am 06.02.2017
Lehrlinge in Biobetrieben haben es nicht leicht: In der Berufsschule lernen sie zumeist nur konventionellen Landbau kennen. Auf dem heimischen Acker können sie das Gelernte nicht anwenden.

Schwerin/Güstrow (dpa/mv) - Tausende junge Leute, die einen «grünen» Beruf erlernen, sind in den kommenden Monaten zum Berufswettbewerb der deutschen Landjugend aufgerufen. Am Dienstag wird er in Güstrow eröffnet. Bundesweit werden rund 10 000 Azubis in der Land-, Tier-,
Forst- und Hauswirtschaft sowie im Weinbau ihr Können vergleichen.
Nicht dabei sind die «Ökos». Die Agrarreferentin beim Bund der Deutschen Landjugend als Mitveranstalter, Imken Krohn, sagt, das sei historisch so gewachsen, die Landwirtschaft werde als Ganzes betrachtet. Wer in der ökologischen Land- und Tierwirtschaft lerne, dürfe sich an dem alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerb ebenso
beteiligen.

Wie viele Lehrlinge aus Biobetrieben dies tun werden, ist nicht bekannt. In ihrer Ausbildung haben sie in den meisten Bundesländern einen Konflikt zu bewältigen: In der Praxis lernen sie Bio, in der Berufsschule konventionell. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel gibt es keinerlei Ausbildungsmöglichkeiten für Ökolandbau. «Weder die drei landwirtschaftlichen Berufsschulen noch Fach- oder Hochschulen bieten eine solche Ausbildungsrichtung an», kritisiert die Umweltorganisation BUND in Schwerin. An den landwirtschaftlichen Berufsschulen in Zierow, Torgelow und Güstrow tauchten nicht einmal Fächer wie Alternative Landwirtschaft oder Ökolandbau auf.

Der 18-jährige Thomas-Sebastian Sock lernt im zweiten Lehrjahr Landwirtschaft im Hof Medewege in Schwerin, einem in der Region bekannten Demeter-Betrieb mit 300 Hektar Acker, 70 Milchkühen, 100 Schweinen und 900 Hühnern, Obst- und Gemüseanbau, Bäckerei, Hofladen und Café. Dass er dort landete, war eher ein familienbedingter Zufall. Mittlerweile ist er überzeugt, dass die Ökolandwirtschaft besser und nachhaltiger ist. Er macht das unter anderem am Umgang mit den Tieren und am Düngen des Bodens fest. Über die konventionelle Landwirtschaft, wie er sie an der Schule lernt, sagt er, der Unterricht sei vor allem auf Großbetriebe ausgerichtet. «Tiere werden fast wie Maschinen angesehen.» Es gehe darum: Was müsse man vorne reinstecken, um es hinten wieder rauszubekommen? Und mit den Düngergaben im konventionellen Landbau sei man bemüht, das wiedergutzumachen, was man vorher kaputtgemacht habe.

«Wir versuchen hier das bäuerliche Prinzip», sagt Thomas' Chef Georg Jahn, der die Landwirtschaft im Hof Medewege unter sich hat. So wird nur mit Stallmist und Jauche gedüngt. Damit Thomas das Ausbringen von Mineraldünger und das Spritzen von Pflanzenschutzmitteln lernt, wie in der Berufsausbildung gefordert, hat er mit dem konventionell wirtschaftenden Nachbarbetrieb einen Verbundausbildungsvertrag geschlossen.

Thomas, der in Schwerin geboren wurde, aber bei Husum in Schleswig-Holstein aufwuchs, nimmt das als Mecklenburger gelassen.
Diskussionen an der Schule über das Pro und Contra in der Landwirtschaft gebe es eher nicht. «Ich halte mich da raus», sagt er.
Seine Ziele: Den Facharbeiter schaffen, später mal eine Familie haben, angestellt arbeiten, vielleicht ein paar eigene Tiere halten - und Fotografieren als Hobby. Momentan ist er in der Praxis am meisten bei den Kühen. Seine Lieblingskuh: Momo. Sie ist sehr zutraulich. Als Kalb sei sie viel gestreichelt worden, sagt er. Wie er sie erkennt?
«An ihrem Muster, schon von weitem.»

Thomas und die drei anderen Öko-Azubis seiner Jahrgangsstufe an der Beruflichen Schule in Zierow bei Wismar - immerhin rund zehn Prozent
- lernen einen Teil des Lehrstoffs also nur der Prüfungen wegen, wenn sie denn in der Biolandwirtschaft bleiben. Doch der BUND möchte den Ökolandbau nicht nur für dessen Azubis in der beruflichen Bildung
verankern: Dadurch, dass er nicht gelehrt werde, würden die anderen Auszubildenden seine Prinzipien und Grundlagen nicht kennen und auch nicht richtig einordnen können. «Es geht im ersten Schritt darum, Ökolandbau-Themen an allen landwirtschaftlichen Berufsschulen zu integrieren. In einem zweiten Schritt sollte eine Ausbildung zum Landwirt ökologischer Landbau an einer Berufsschule im Land eingerichtet werden», sagte der BUND-Agrarreferent Burkhard Roloff.

Von Birgit Sander